Von der Idee eine historische Arbeit zu beginnen

Vor Jahren haben wir aus Familienbesitz in der Gegend des Rosengärtliquartiers ein kleines Riedhüsli gekauft. Die früheren Bewohner haben das Haus nie wirklich ausgeräumt. Auf diese Weise sind in den verschiedensten Ecken des Hauses im Laufe der Zeit viele interessante Gegenstände und Dokumente erhalten geblieben:

  • Künstlerisch gestaltete Stickvorlagen auf pergamentartigem Papier aus den 1910er und 1920er Jahren wurden als Isolationsmaterial verwendet. Wie in zahllosen anderen Dorfhäusern haben auch hier im Rosengärtliquartier Stickerinnen und Sticker gewohnt und gearbeitet.
  • Ein Briefwechsel aus den 1910er Jahren zwischen dem heimwehgeplagten, damals 11-jährigen Grossonkel Johann Baptist Fritsche und seiner Mutter, zeugt von einer äusserst harten Zeitperiode. Angeführt von einer Aufpasserin wanderten jeweils über den Sommer hunderte von Appenzeller Kindern zu Bauern ins Schwabenland. Die Eltern wurden entlastet. Sie konnten sich während der Sommermonate Ausgaben sparen und hatten Zeit, sich der Stickerei zu widmen. Die Kinder kamen jeweils im Spätsommer wieder zurück, ein halbes Jahr älter, mit einem Paar neuen Schuhen und 2 Franken Handgeld.
  • Alte Werkzeuge eines Schuhmachers und eines Möbelschreiners, sowie verschiedene Utensilien von Heimarbeiterinnen belegen die Verdienstmöglichkeiten, auf welche die Hausbewohner während der unerbittlichen Weltwirtschaftskrise zum Überleben dringend angewiesen waren.
  • Aus den 1920er Jahren war auf dem Dachboden ein einzelnes Stück Torf (Toobe) liegen geblieben. Torf, in der Mendle oder in Eggerstanden gestochen, diente damals als willkommenes und heute fast unbekanntes Heizmaterial.

Dies alles sind wohl Gegenstände mit wenig antiquarischem Wert. Doch auf ihre Geschichte geprüft stellen sie interessante Zeitzeugen dar.

Im Gespräch mit Freunden und Kollegen habe ich bald einmal festgestellt, dass in anderen Dorfhäusern immer noch viele historisch interessante Gegenstände schlummern. Es besteht die Gefahr, dass sie unbesehen im Mistkübel entsorgt werden.

Schliesslich geht es auch darum zu sensibilisieren, dass der alte Kram, der bei Hausräumungen anfällt, nicht einfach automatisch im Müll landen soll. Es gilt historisch wissenswerte Dokumente, Briefe, Stickvorlagen, Stickereien, Nekrologe, Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Photos, Werkzeuge etc. zu sichten und zu sammeln.

Ich habe mich entschieden, möglichst viele dieser Informationen, die grösstenteils mündlich überliefert werden, zu sichten und in Gesprächsnotizen festzuhalten. Wir sind in der glücklichen Lage, dass noch vieles vorhanden ist. Neue Entdeckungen sind immer möglich. Auch gibt es noch einige Zeitzeugen, die persönlich aus vergangenen Zeiten berichten können. Vielleicht lassen sich genügend Daten und Gegenstände zusammentragen, um einen Bericht zu schreiben oder gar eine Ausstellung zu eröffnen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Gesprächspartnern für ihre tolle Mitarbeit und ihre Bereitschaft Auskunft zu geben, bedanken.

Josef Fritsche lic.phil.
Wührestr. 3

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